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16. Juni 2022
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Pola Schneemelcher

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Geldbrief

Der deutsche Arbeitsmarkt: Wind in den Segeln – aber ein DatenleckLesedauer: 11 min

Pola Schneemelcher

Angesichts anziehender Inflation, politischer Reformen wie der Mindestlohnerhöhung und dringend notwendiger Transformationsbedarfe ist die datenbasierte Analyse des Arbeitsmarkts elementar. Der öffentliche Diskurs in Deutschland fokussiert sich dabei jedoch meist auf die reine Betrachtung der Arbeitslosenquote. In einem Hintergrundpapier, das wir zeitnah veröffentlichen werden (die Short Paper Version findet ihr hier), schlagen wir daher ein Indikatorensystem vor – die Arbeitsmarktampel – das sich an einer multidimensionalen Abbildung sowie historischen und geographischen Einordnung des Arbeitsmarkts versucht. Die Betrachtung dieser Indikatoren zeigt, dass der Arbeitsmarkt auf seinem Erholungskurs nicht alle mitnimmt – und dass wir über viele Entwicklungen nur bedingt Aussagen treffen können, weil entscheidende Daten fehlen oder schwer zugänglich sind. Das betrifft insbesondere Lohndaten. Wir schlagen daher ein Instrument zur engmaschigeren und zeitnaheren Veröffentlichung dieser Daten vor.

Der deutsche Arbeitsmarkt scheint seit langem ein Selbstläufer zu sein. Die Arbeitslosenquote ist konstant gering. Reißt sie krisenbedingt einmal aus, bleibt es bei kurzbebenartigen Momentaufnahmen, die — auch dank aktiver arbeitsmarktpolitischer Unterstützung — schnell wieder der Vergangenheit angehören.

Während die Erwerbslosigkeit (zu wenig Arbeit) zunächst kein Kopfzerbrechen bereitet, sorgt sich der öffentliche Diskurs seit einiger Zeit um die Erwerbstätigkeit: Gibt es zu viel Arbeit? Wo sollen die fehlenden Fachkräfte für zukünftige Transformationsprozesse herkommen, wenn bereits heute alle in Brot und Lohn stehen? Und angesichts der steigenden Inflation – ist die hohe Erwerbstätigkeit nicht vielmehr ein Problem? Droht eine Lohn-Preis-Spirale durch übermäßige Lohnforderungen von Arbeitnehmerinnen, die im Zweifel überall einen Job finden könnten?

Auf den ersten Blick scheint die Antwort verneinend: Die Lohnentwicklung war zuletzt schwach. Aber die ehrliche Antwort ist: Wir wissen es nicht. Denn uns fehlen die Daten. Das ist gerade jetzt ein gefährlicher Missstand. Die Mindestlohnerhöhung steht im Oktober diesen Jahres vor der Tür. Um ihre Wirkung einschätzen zu können, sind detaillierte Daten entscheidend. Die jetzige Inflation muss genau verstanden werden, inklusive ihrer Wechselwirkung mit Löhnen und dem Arbeitsmarkt, damit gut auf sie reagiert werden kann. Und Deutschlands Nachhaltigkeitswende und wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit hängt entscheidend vom Arbeitsmarkt ab. Seine engmaschige Betrachtung ist heute also so wichtig wie selten zuvor.

Abbildung 1Quelle: Statistisches Bundesamt

Ein anderer Blick auf den Arbeitsmarkt

Die Analyse des Arbeitsmarkts jenseits der reinen Arbeitslosenquote ist in Fachkreisen seit langem Usus. Beispielhaft sind hier das IAB – Arbeitsmarktbarometer oder das ifo – Beschäftigungsbarometer. Nichtsdestotrotz zeigt die gerade laufende öffentliche Debatte (in der zum Beispiel nur selten zwischen angebotsbedingter Preissteigerung und nachfragebedingter Inflation unterschieden wird, wie Florian Kern hier ausführt) reflexartig immer wieder dieselbe – inflationsgetriebene – Konzentration auf die Arbeitslosenquote: Ist die Arbeitslosigkeit niedrig, so die Sorge, könnten Arbeitnehmer höhere Löhne fordern und damit den Preisdruck erhöhen. Denn die Unternehmen müssten die Lohnforderungen akzeptieren, würden die gestiegenen Lohnkosten als Preissteigerungen weitergeben und die Inflation würde sich spiralartig nach oben schrauben.

Schnelle Forderungen nach höheren Zinsen sind die Folge. Ob dies aber wirklich die Lösung ist oder vielmehr eine Gefahr, können wir nur verstehen, wenn wir ein besseres Verständnis vom Arbeitsmarkt, seiner Entwicklung und seinem möglichen Potenzial haben. Es geht also darum einzuordnen, woher wir kommen, wo wir stehen und bis wohin wir gehen könnten.

Die Arbeitsmarktampel…

Daher haben wir den Versuch unternommen, durch eine Kombination aus unterschiedlichen Indikatoren ein feinmaschigeres Bild vom Arbeitsmarkt zu zeichnen: die Arbeitsmarktampel. Wir gehen dabei einen Schritt weiter als vorherige multidimensionale Betrachtungen: Zusätzlich zu einer Abbildung in mehreren Dimensionen versuchen wir eine Einordnung der Arbeitsmarktlage- und entwicklung. Dafür haben wir für jeden Indikator, den wir in unserer Arbeitsmarktampel betrachten, mittels historischem und geographischem Vergleich Soll-Werte abgeleitet, mit denen die Ist-Werte verglichen werden können.

Unsere Arbeitsmarktampel kombiniert vier Indikatoren zur Beschäftigungslosigkeit mit sechs zur Erwerbstätigkeit (vgl. Abbildung 2). Zusammen bieten sie einen ausdifferenzierten Überblick der Beschäftigungslage, der Unterbeschäftigung sowie der ungehobenen Potenziale, die insbesondere im deutschen Niedriglohnsektor und bei der Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt noch bestehen.

Entscheidend ist dabei weniger der jeweils für sich stehende absolute Wert, sondern die Größenordnung: Durch eine historische und geographische Kontextualisierung versuchen wir einzuordnen, ob der deutsche Arbeitsmarkt entlang der jeweiligen Dimension bereits einen guten Status Quo erzielt hat, wo er sich realistisch noch hinbewegen könnte und ob dies in einem politisch relevanten Zeitraum – gemessen an Legislaturperioden – auch umsetzbar ist. Durch diese Einordnung kann für jeden der zehn Indikatoren ein Ampelstand — Rot, Gelb, Grün — festgelegt werden, welcher wiederum den raschen Überblick erleichtert.

Abbildung 2

… und was sie uns (nicht) sagt

In der Durchführung unserer Betrachtung stechen drei Punkte hervor: (1) Der deutsche Arbeitsmarkt ist auf einem guten Weg, (2) entscheidende Bevölkerungsgruppen drohen jedoch dabei auf der Strecke zu bleiben. Vor allem aber (3) stoßen wir immer wieder auf große Datenlecks, die elementare Bereiche — insbesondere Lohndaten — betreffen.

So standen in der Betrachtung für 2021 die beiden Hauptindikatoren, die Unterbeschäftigungsquote und die Erwerbstätigenquote, auf Gelb bzw. auf Grün. Das bildet die Erholung des Arbeitsmarkts in der zweiten Hälfte des zweiten Pandemiejahrs ab und ist eine positive Entwicklung.

Eine tiefergehende Analyse der Subindikatoren, die den Hauptindikator Unterbeschäftigungsquote ergänzen, zeichnet aber ein differenzierteres Bild. Diese Subindikatoren — Unterbeschäftigungsquoten der Länder, Unterbeschäftigungsquote U25 und die Langzeiterwerbslosenquote — stehen durchgehend auf Rot.

Bezogen auf z.B. die Langzeiterwerbslosenquote ist dies nicht verwunderlich. Vergangene Krisen haben gezeigt, dass gerade Langzeiterwerbslose härter von konjunkturellen Abschwüngen betroffen sind. Da mit jedem Monat Arbeitslosigkeit die Integration in den ersten Arbeitsmarkt schwieriger wird, droht hier vielen der Anschluss verloren zu gehen, wodurch dauerhafte Abhängigkeiten von staatlichen Transferleistungen entstehen können.

Ähnlich geht es jungen Unterbeschäftigten (unter 25 Jahren). Dass sich die Unterbeschäftigungsquote in dieser Altersspanne noch nicht wieder außerhalb des roten Bereichs befindet, liegt an der fehlenden Datenverfügbarkeit: bis zur Fertigstellung des Papers lagen die Daten nur bis 2020 vor.[1] Gerade weil die Gefahren von Arbeitslosigkeit in jungen Jahren aber so hoch sind (mehr dazu hier) und die Zukunftsfähigkeit des Arbeitsmarkts — und unserer Staatsfinanzen — insbesondere von der Arbeitsmarktintegration junger Menschen abhängt, ist eine bessere und schnellere Datenverfügbarkeit hier elementar.

Ähnlich sieht es bei den Lohnindikatoren aus, die den Hauptindikator Erwerbstätigenquote ergänzen. Eine solche Ergänzung von Erwerbstätigkeits- durch Lohnindikatoren ist gerade in Deutschland wichtig: Aufgrund des bei uns überdurchschnittlich großen Niedriglohnsektors sagt eine hohe Erwerbstätigenquote allein nicht viel darüber aus, ob Menschen von ihrer Arbeit leben und für ihr Alter vorsorgen können. Ebenso wenig kann durch eine reine Betrachtung der Erwerbstätigenquote ermittelt werden, ob noch größere Potenziale in Form von unterproduktiven Arbeitsverhältnissen vorhanden sind.

Für beides sind Lohndaten essentiell. Denn niedrige Löhne deuten sowohl auf soziale Missstände als auch auf Arbeitsverhältnisse mit geringer Produktivität hin.  Doch gerade hier bestehen erhebliche Datenlecks. Für die Niedriglohnquote und die Niedriglohnquote Frauen haben wir Eurostat-Daten verwendet, für die Niedriglohnquote nach sozialer Herkunft SOEP-Daten. Erstere speisen sich für Deutschland aus der Verdienststrukturerhebung, die nur alle vier Jahre erhoben wird, zuletzt 2018. Hier wäre eine höherfrequente Erhebung und Veröffentlichungen der Daten wichtig. Ebenfalls müssten die so erhobenen Lohndaten entsprechend der Altersklassen der Eurostat-LFS-Indikatoren zugänglich gemacht werden, um zu identifizieren, wie sich Einkommen in besonders vulnerablen Arbeitsmarktgruppen im europäischen Vergleich entwickeln.

Das SOEP dagegen erhebt für Deutschland jährlich Lohndaten, aus denen die Größe und Entwicklung des Niedriglohnsektors (sowie der Lohnverteilung insgesamt) berechnet werden können. Aber auch diese Daten werden nur mit ein- bis zweijähriger Verspätung veröffentlicht und stehen Externen nicht unbegrenzt zur Verfügung.[2] Dabei wären gute Lohndaten am aktuellen Rand entscheidend, um zum Beispiel die kommende Anhebung des Mindestlohns und ihre Auswirkungen auf Produktivität und Inflation zeitnah auswerten zu können. Zudem sind die SOEP Daten international schwerer vergleichbar. Innereuropäische Vergleichbarkeit wäre jedoch insbesondere für geldpolitische Entscheidungen essentiell. In Zeiten wachsender Inflation, einer kräftigen Mindestlohnerhöhung und des fortschreitenden strukturellen Wandels sind belastbare und aktuelle Arbeitsmarktdaten wichtiger denn je. Ob zur Unterscheidung zwischen angebotsseitigen Preissteigerungen und nachfrageseitiger Inflation, zur Kalibrierung von tariflichen Lohnforderungen und arbeitgeberseitigen Angeboten, zur Ausrichtung aktiver Arbeitsmarktmaßnahmen oder der Weiterentwicklung der Aus-, Um-, und Weiterbildungssysteme: Ohne eine solide Datengrundlage sind gute Entscheidungen und faire Einigungen schwierig.[3]

Gleichzeitig ist es unbestritten, dass Arbeitsmarkt- und Fiskalpolitik Hand in Hand gehen. Sowohl öffentliche Investitionen, die für ihren Erfolg auf die richtigen Arbeitskräfte angewiesen sind, als auch das richtige Haushaltssaldo, das vom Auslastungsgrad der Volkswirtschaft abhängt, sind eng mit dem Arbeitsmarkt verknüpft. Auch hier wären detaillierte und aktuelle Lohndaten nützlich, um sektorale oder allgemeine Engpässe schnell erkennbar zu machen.

Vor diesem Hintergrund fänden wir für Deutschland ein Instrument wie den „Atlanta Wage Growth Tracker“ wünschenswert: Er zeichnet das nominale Lohnwachstum auf, wird monatlich veröffentlicht und macht durch seine differenzierten Kategorisierungen nach z.B. Alter, Geschlecht und Bildung unterschiedliche Arbeitsmarktgruppen sicht- und vergleichbar. Ähnliche Daten sind in Deutschland zurzeit nur durch vergleichsweise aufwendige Einzelanalysen auf Grundlage des SOEPs ermittelbar (vgl. Abbildung 3). Die Wichtigkeit dieser Daten wird beispielsweise erkennbar in einer DIW Studie  zur Mindestlohneinführung, die aufzeigt, wie sehr gerade untere Einkommensschichten von dessen Einführung 2015 profitiert haben. Ein Instrument wie der Atlanta Wage Growth Tracker würde Deutschland eine transparentere Datenbasis verschaffen, die für alle Interessensgruppen nachvollziehbar ist und für viele wirtschaftliche Debatten förderlich wäre.  

Abbildung 3Quelle: Atlanta Wage Growth Tracker (12-month moving averages, wage level), DIW Wochenbericht 7 2020 S. 94

Wie genau es dem deutschen Arbeitsmarkt geht, lässt sich also auch durch differenziertere Indikatoren heute nicht abschließend beantworten. Gerade am aktuellen Rand fehlen wichtige Daten. Dass sein Zustand aber fiskal- und geldpolitische Implikationen hat, sowie eng mit Fragen der Preisentwicklung verbunden ist, rückt derzeit nochmal mehr in den Mittelpunkt. Diese mehrseitige Verbindung muss in den kommenden Jahren besser erforscht werden – und dazu braucht es zugängliche, engmaschige und aktuelle Daten.


Fußnoten

[1] Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht zwar monatlich die absoluten Zahlen an Unterbeschäftigten für den vergangenen Monat, jedoch nicht nach Altersgruppen gestaffelt. Die erweiterte Bezugsgröße, relativ zu der die Unterbeschäftigungsquote berechnet wird, wird nicht im selben Rhythmus und ebenfalls nicht nach Altersgruppen veröffentlicht. Daher ist es unmöglich, auf dieser Basis die Unterbeschäftigungsquote junger Menschen am aktuellen Rand eigenständig zu berechnen. Nach der Fertigstellung des Hauptpapiers wurde die aggregierte durchschnittliche Unterbeschäftigungsquote für unter 25-jährige für das Jahr 2021 veröffentlicht. Diese beträgt 6,1 Prozent. Die Ampel steht für 2021 damit auf Grün, was sich mit der Entwicklung des Hauptindikators deckt.

[2] Wie bei den Daten zur Unterbeschäftigungsquote junger Menschen steckt auch hier der Teufel im Detail: Die SOEP-Daten für 2021 liegen zwar vor, bisher jedoch ohne Gewichtung, so dass keine repräsentativen Aussagen getroffen werden können.

[3] Ebenso können ohne gute Daten Spannungen zwischen der allgemeinen Bevölkerung und wichtigen wirtschaftlichen Akteuren entstehen: Wenn Gewerkschaften zum Beispiel präventiv mit Lohnforderungen von 3 Prozent in Tarifverhandlungen gehen,   um eine angebliche Lohn-Preis-Spirale zu verhindern, ist entscheidend, auf welcher Datengrundlage eine solche Entscheidung gefällt und vermittelt wird.


Medien- und Veranstaltungsbericht 16.06.2022

  • Am 5. Juni nahm Max beim Mainzer Open Ohr Festival an einem Panel zum Thema Steuergerechtigkeit teil. Einen ausführlichen Bericht in der Lokalpresse findet ihr hier. 
  • Am 6. Juni wurde Philippa vom RBB Info Radio zum Thema Neuverschuldung des laufenden Bundeshaushalts interviewt. Die Aufzeichnung findet ihr hier. 
  • Am 8. Juni diskutierte Philippa im DLF mit Verena Bentele, Markus Herbrand und Hans Peter Grüner darüber, was gegen die steigenden Preise zu tun ist. Hier gibt es die Diskussion zum Nachhören. 
  • Florian erklärt als Experte in einem Artikel des RND, wie die Zentralbank mit Zinsentscheidungen Preise beeinflussen kann und wie die derzeitige Situation zu bewerten ist. 
  • Im Makronom argumentiert Florian in einem Artikel, dass die derzeitigen Preissteigerungen keine Inflation im eigentlichen Sinne sind. 
  • Joseph Politano zitiert unsere Schätzungen zu den Kosten der gestiegenen Strom- und Gaspreise für deutsche Haushalte in seinem Newsletter. 
  • Der Hessische Rundfunk hat eine Dokumentation zum Thema Inflation gedreht und Philippa dafür interviewt.  
  • Philippa hat sich im JUNG & NAIV Wirtschaftsbriefing zusammen mit Maurice Höfgen die Generaldebatte zum Bundeshaushalt angeschaut, sie eingeordnet und kommentiert.  
  • Das EuroIntelligence Briefing hat Philippas Tweet zu Italiens einjährigen Spreads zitiert.  
  • In Politik & Ökonomie ist der Aufsatz von Max zur Beziehung zwischen Kapitalismus und Demokratie erschienen. Die englische Übersetzung des Aufsatzes ist außerdem in History of Political Thought erschienen.  

Der Geldbrief ist unser Newsletter zu aktuellen Fragen der Geldpolitik und der Finanzmärkte. Über Feedback und Anregungen freuen wir uns und erbitten deren Zusendung an pola.schneemelcher[at]dezernatzukunft.org


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