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11. September 2018
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Essays

„Ich krieg die Krise“ – ein Erfahrungsbericht4 min read

MATHIS RICHTMANN

Pünktlich zum zehnjährigen Jubiläum der Lehman-Pleite veröffentlichte die globalisierungskritische NGO Attac ein Methodenpaket für die Sekundarstufe II. Aus diesem Heft stellen wir eine Methode vor, die vom Autor selbst ausprobiert wurde.

Ich krieg die Krise, so der Name des Moduls, lässt Gestaltungsspielraum. In meiner Version erhielten die Teilnehmenden Lose mit Aussagen wie „Das kann ich nicht mehr hören“, Das macht mir Angst“, „Dazu möchte ich mehr erfahren“ oder „Das ist mir egal“, die von Veranstaltung zu Veranstaltung angepasst werden können. Alle Teilnehmenden erhalten ein Los mit jeweils einer Aussage. Im Raum wird eine Ausstellung an Zeitungsüberschriften mit Krisenbezug aufgehängt, die ebenfalls nach Bedarf ausgesucht werden können. Die Teilnehmenden erhalten den Auftrag, ihre Los-Aussage einer Schlagzeile zuzuordnen. Wenn sich alle positioniert haben, beschreiben die Teilnehmenden, warum sie sich so zugeordnet haben. Dabei können in den Schlagzeilen verwendete Begriffe von den Teilnehmenden selbst erklärt werden.

Unser Autor hat die Methode bei Projekttagen in einem Gymnasium verwendet und berichtet davon. Er war dabei von den klugen und anregungsreichen Beiträgen der Teilnehmenden überrascht.

Das Arbeitsblatt zur Methode “Ich krieg die Krise”

Kluge und anregungsreichen Beiträge

Zu „Kapitalmärkte: Zehn Jahre nach der Finanzkrise – Wann kommt der nächste Crash?“ aus der Berliner Zeitung vom 28. Juni 2017 positionierte sich zum Beispiel eine Teilnehmerin mit ihrem Los “Das finde ich besonders bescheuert”. Es könne nicht sein, dass zehn Jahre nach der letzten Krise die Politik keine Antworten entwickelt hätte. Als Elftklässlerin sagte sie dazu wortwörtlich: „Kein Wunder, dass die Leute sich neue Parteien suchen. Die Politik muss doch dazu Antworten finden!”

Zur Überschrift “Wohnungskrise wird zum Dauerzustand” aus dem Tagesspiegel vom 6. September 2017 stellte sich ein Schüler mit der Aussage “Das kann ich nicht mehr hören”. Es frustriere ihn, dass er in seiner Heimatstadt seit Jahren davon höre, dass die Mieten steigen und einfach nichts passiere, erklärte er. Dabei wundere es ihn, dass es über Jahre okay war, dass der Staat sich verschulde, neuerdings aber alle die schwarze Null so toll fänden. Dass diese Aussage von einem Neuntklässler stammt, überrascht.

Spiegel Online titelte am 26. November 2011: „OECD-Bilanz: Finanzkrise vernichtet mehr als 13 Millionen Jobs“. Eine Abiturientin stellte sich mit der Aussage „Das macht mir Angst“ dazu. Sie sagte, dass sie den Eindruck habe, dass es in Deutschland noch vergleichsweise gut aussehe mit dem Arbeitsmarkt. Aber gerade die Schule zu verlassen und solche Nachrichten zu lesen mache ihr eben Angst vor der Zukunft. Wie es da wohl Abiturientinnen in Spanien oder Griechenland ginge.

Nicht allein

Die Methode polarisiert bewusst und prägnant. Sicherlich ist sie im gewohnten Attac-Jargon links-globalisierungskritisch ausgelegt. Doch sie ermöglicht eine meinungsbildende Diskussion zu alltäglich verständlichen Themen und ist damit lebensweltnah. Es ist die Aufgabe von Referentinnen, die diese Methode verwenden, mögliche politische Verstimmungen und Zuspitzungen gegebenenfalls zu entschärfen, und die Debatte für Beiträge aus dem gesamten demokratischen Spektrum offen zu halten. Und gerade bei so explizit meinungsbildenden Formaten gilt es, zum Beispiel bei der Auswahl der Zeitungsüberschriften, die Zielgruppe genau zu beachten

„Ich krieg die Krise“ gibt den Gefühlen, die Teilnehmende einer Veranstaltung zu wirtschaftspolitischen Themen haben, konkrete Beispiele und Kristallisierungspunkte. Danach kann über steigende Mieten oder politisches Versagen gegenüber Finanzkrisen oder Arbeitslosigkeit diskutiert werden. So ist „Wirtschaft“ nicht länger ein diffuses, unklares Unbekanntes. Gleichzeitig können sich Teilnehmende in ihren Gefühlen austauschen und sich zusammenschließen und erkennen, dass sie in ihrem Gefühl nicht allein sind. 

Wissenshierarchien und Medienbildung

„Ich krieg die Krise“ gibt zudem die Möglichkeit Wissenshierarchien abzubauen. Indem Teilnehmende untereinander, oder auch die Referentin aushelfend, Zusammenhänge erklären und Begriffe verständlich machen, erhalten Teilnehmende des Workshops Zugang zu Wissensverknüpfungen. Zudem stärkt die Einheit kritisches Medienlesen. Sie ermöglicht in Zeiten von Fake News und populistischer Verunsicherung über „die Medien“ Darstellungen in Zeitungen zu diskutieren. Welche Emotionen ruft die jeweilige Schlagzeile hervor? Welche Formulierungen des selben Inhalts würden andere Emotionen hervorrufen? Bei wem könnte die jeweilige Schlagzeile ein konträres Gefühl auslösen?

Rahmenbedingungen und Zielgruppen

Der Workshop eignet sich für Altersgruppen ab der 9. Klasse. Eine Anwendung in der Seniorenbildung ist ebenfalls vorstellbar. Bei einer Gruppengröße von 15 Personen dauert die Einheit erfahrungsgemäß etwa 45 Minuten, und ermöglicht einen Einstieg in weiterführende Diskussionen zu Wirtschaftspolitik, Finanzkrise, und politischer Ökonomie. Je nach vorher besprochenen Inhalten kann die Methode auch zum Abschluss eines Seminartages aktivierend verwendet werden.

Die Einheit hat klaren Bezug auf Deutschland und Europa, lässt jedoch zu, Nord-Süd Machtverhältnisse innerhalb Europas wie auch global zu diskutieren. Da einige Schlagzeilen auf den Arbeits- und Wohnungsmarkt Bezug nehmen, ist die Einheit an der Lebensrealität der Teilnehmenden ausgerichtet.

„Ich krieg die Krise“ ist nur eine von mehreren Einheiten, die Attac 10 Jahre nach der Krise veröffentlicht hat. Sie ist besonders gut kombinierbar mit weiteren Einheiten aus diesem Paket, die Mietspekulation und die Finanzkrise in Bezug zueinander stellen, und die wir in einem zukünftigen Beitrag hier beschreiben werden.

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