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7. April 2018
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Philippa Sigl-Glöckner

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Essays

Scheine des Anstoßes3 min read

PHILIPPA SIGL-GLÖCKNER

Es heißt immer, dass Geld Tauschmittel, Recheneinheit und Wertaufbewahrungsmittel ist. Geld gilt als Schmieröl unseres wirtschaftlichen Handelns, eine schlaue technologische Erfindung, die uns davor bewahrt Muscheln oder andere Tauschgüter in unserer Tasche herumtragen zu müssen, um damit am Abend im Supermarkt zu zahlen. Andererseits schreiben Ökonomen wie Hans-Werner Sinn über die Euro „Falle“ und Schuldengemeinschaften. Wie kann es sein, dass ein Tauschmittel so politisch ist?

Die Rolle von Geld in unserer Gesellschaft

Um dies zu verstehen muss man sich ansehen, welche Rolle Geld in unserer Gesellschaftsordnung spielt. In einer Demokratie bestimmt die Gesellschaft als Ganzes. Sie ist der Souverän, niemand steht darüber. Nun ist die Frage, wie man kollektiv Ressourcen verteilt. Für die allermeisten Güter haben wir entschieden, Ressourcen nicht direkt zuzuteilen, sondern die Zuteilung über Geld zu regeln. Wer auch immer den entsprechenden Betrag des offiziellen Zahlungsmittels vorweisen kann, darf das von ihm ersehnte Gut erwerben. Es gibt gewisse Ausnahmen in dieser Art der Ressourcenzuteilung, zum Beispiel hat jeder Mensch das Recht auf Zutritt zu den bayerischen Seen, ohne sich das zu erkaufen (und keiner kann das exklusive Recht erwerben), aber die allermeisten Güter werden mit Geld gehandelt. Sobald Euros in meiner Tasche klimpern, habe ich einen Anspruch auf Ressourcen in der Eurozone.

Geld als einziges finales Zahlungsmittel

Das Besondere an Geld ist dabei, dass es als einziges Zahlungsmittel nicht abgelehnt werden darf. Der Kioskverkäufer muss mir die Kinderschokolade überlassen, wenn ich ihm den ausgeschilderten Preis in Bargeld auf den Tresen lege (solange ich mit weniger als 50 Münzen oder einem Schein bezahle). Habe ich einmal gezahlt, gibt es keine weiteren Ansprüche an mich. Versuche ich im Gegensatz dazu mit Kreditkarte zu bezahlen, kann der Kioskverkäufer dies ablehnen. In dem unwahrscheinlichen Fall, dass ich mit Kreditkarte zahlen darf, folgt daraus eine weitere Schuld gegenüber meiner Bank, die ich am Ende des Monats begleichen muss. Einzig Geld dient zur endgültigen Tilgung von Schulden.

Der Wert des Gelds

Geld in seiner heutigen Form sind Münzen, Scheine oder digitales Geld auf dem Konto. Außer den 1 Cent Münzen hat es bei weitem nicht den physischen Gegenwert, den es repräsentiert. Man kann es nicht einmal zur Zentralbank bringen und es gegen Gold eintauschen. Auf englischen Geldscheinen steht zwar noch ein ‚Promise to pay‘ der Bank of England, aber wer auf deren Internetseite nachsieht, wird enttäuscht: Im Tausch gegen einen Pfundschein gibt es nichts anderes als einen anderen Pfundschein.

Wer oder was garantiert dann den Wert des Geldes? Auch wenn wir von (über-) staatlichen Institutionen kein Gold oder anderen Gegenwert bekommen, schaffen sie doch einen Anreiz Geld zu besitzen und verankern damit seinen Wert: Nur mit Geld können wir unsere Steuerschuld begleichen. Aber darüber hinaus ist der Wert des Gelds auch davon abhängig, was wir damit erwerben können und glauben, dass wir erwerben werden können. Das ist unter anderem davon beeinflusst, wie viel zirkulierendes Geld in der Wirtschaft einem wie großen Güterberg gegenübersteht (Geld, das auf meinem Sparkonto liegt und ich nicht ausgebe, konkurriert nicht mit dem Geld eines anderen um Ressourcen). Kollabiert die verfügbare Gütermenge oder steigt die Menge an zirkulierendem Geld sehr stark an, so fällt der Wert des Gelds. Ein Beispiel dafür ist die Hyperinflation in Zimbabwe, herbeigeführt durch eine Kombination beider Faktoren: In der Dekade bis 2009 fiel das Bruttoinlandsprodukt um 45%, während die Regierung Geld druckte, um ihre Schulden weiterhin bedienen zu können.

Daran wird deutlich, dass Geld in Form staatlicher Währungen nicht nur ein technologisches Hilfsmittel ist, welches Handel ohne das Herumkarren von Muscheln ermöglicht. Es ist ein von der Gesellschaft besonders privilegierter Schuldschein, der seinem Eigentümer (im Rahmen des geltenden Rechts) ein bedingungsloses Anrecht auf zum Verkauf stehende Ressourcen des Währungsraums gibt. So verbindet der Euro uns doch durch mehr als Scheine und Bilder von Mario Draghi auf den Titelseiten unserer Zeitungen: er spannt ein Netz von miteinander verbundenen Ansprüchen über uns aus, deren Wert wir gemeinsam durch unsere gewählten Regierungen, die Politik unserer Zentralbank, und die Summe unserer individuellen wirtschaftlichen Entscheidungen bestimmen.

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