Geldbrief
Dr. Maximilian Paleschke, Paul Görlich, Philippa Sigl-Glöckner
22. Oct 2026

Was wird aus den Rüstungsmilliarden?

Deutschland rüstet so stark auf wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Doch der Boom ist endlich. Deutsche Unternehmen bauen neue Werke und schaffen neue Jobs. Gleichzeitig steigen die Dividenden, während die Bewertungen sinken. Wir haben Haushalt und Unternehmen analysiert und zeigen, welche Stellschrauben die Regierung drehen kann, um langfristig Wachstum zu sichern.

Deutschland soll verteidigungsfähig werden. Ob das gelingt, wird kontrovers diskutiert. Kaum diskutiert wird, was die Wirtschaft mit dem Geld macht und was wir neben Verteidigungsfähigkeit davon haben.

Der Rüstungsboom erlebt gerade einen Dämpfer. Beispiel Rheinmetall: Der Aktienkurs hat sich seit Anfang des Jahres fast halbiert. Mehrere Banken haben das Kursziel gesenkt: Für Wachstum über 2030 hinaus brauche der Konzern mehr Aufträge. Wie viel der Bund nach 2030 bestellt, ist aber offen.

Bis dahin kennen die Verteidigungsausgaben nur eine Richtung: nach oben. 140 Milliarden Euro im kommenden Jahr, 184 Milliarden Euro in 2031. Verteidigung wäre dann der größte Haushaltsposten, größer als die Zuschüsse an die Rentenversicherung.

Rekordausgaben mit Ablaufdatum

In der Theorie sollte das Geld die Wirtschaft ankurbeln. Der Staat beauftragt Unternehmen und diese investieren idealerweise in Deutschland. Das schafft Wertschöpfung und Jobs.

Fakt ist: Das Geld fließt. Vor allem in Beschaffung: Die Ausgaben für Panzer, Munition und Flugzeuge verdreifachen sich von 19 Milliarden Euro (2024) auf 63 Milliarden Euro (2027). Jahrzehnte des Rückbaus sollen wieder aufgebaut werden. Mehr Beschaffung heißt mehr Kapazitäten in der Industrie. Zumindest wenn die Industrie davon ausgehen kann, dass der Staat dauerhaft mehr bestellt – Stichwort: Planungssicherheit.

Abbildung 1

Dass dauerhaft so viel mehr beschafft wird, ist aber unwahrscheinlich. Ist die Bundeswehr einmal ausgerüstet, reicht weniger Geld, um den Bestand zu halten. Die Ausgaben dürften daher sinken und damit der Umsatz der Unternehmen. Dies ist ein historisch wiederkehrendes Muster: Nach jedem Aufrüstungsboom der Nachkriegszeit waren drei Viertel des Anstiegs nach fünf bis 16 Jahren wieder abgebaut. Diesen Verlauf nennen wir den Beschaffungsbuckel.1

Wie hoch und breit der Buckel wird, ist nicht kommuniziert, da dies von sicherheitspolitischen Szenarien abhängt. Beispielsweise würde ein Angriff Russlands auf die NATO die Bedarfe drastisch erhöhen. Doch auch ein Basisszenario ist nicht klar umrissen. Das erschwert die Planung der Unternehmen, denn niemand will Fabriken bauen, die in zehn Jahren leer stehen.

Mehr Werke, mehr Jobs – aber auch mehr Dividenden

Trotz dieser Unsicherheit bauen deutsche Rüstungskonzerne Kapazität auf. 2 Seit der russischen Vollinvasion haben sich die Investitionen verdoppelt und die Zahl der Beschäftigten ist von 33.000 auf 56.000 gestiegen (siehe Abbildung 2). Gemessen am Umsatz investieren sie mehr als die Konkurrenz im Rest der Welt. Auch junge Unternehmen wachsen: Bei der Finanzierung von Rüstungsstartups liegt Deutschland mittlerweile auf Platz Eins in Europa.

Zwei Entwicklungen trüben das Bild. Erstens wachsen Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der Branche langsamer als die Umsätze. Investiert wird vor allem in Menge, nicht Technologie. Zweitens schütten die Unternehmen deutlich mehr Dividenden aus: Die Ausschüttungsquote stieg von 23 auf 45 Prozent, vor allem bei Rheinmetall. Dieses Geld wird nicht investiert.

Abbildung 2

Analysten erwarten, dass die Umsätze deutscher Rüstungsunternehmen bis 2029 im Gleichschritt mit den voraussichtlichen Bundesausgaben wachsen (Abbildung 3). Danach erwarten sie weiter steigende Umsätze, wir dagegen erwarten im Basisszenario stagnierende Staatsausgaben. Diese Lücke müsste dann durch Exporte oder steigendes Servicegeschäft geschlossen werden. Gelingt das nicht, verfehlen Unternehmen ihre Wachstumserwartungen und dürften weniger investieren.

Abbildung 3

Die Stellschrauben: Planungssicherheit, Wertschöpfung, Gewinnverwendung

Die Politik muss ein Trilemma auflösen. Gelingt es nicht, die Rüstungsmilliarden in (1) dauerhaftes Wachstum zu übersetzen, geht am Ende (2) der Haushalt nicht auf, was wiederum (3) unsere Verteidigungsfähigkeiten schwächt. Dabei helfen drei Stellschrauben:

Planungssicherheit schaffen. Der Bund sollte über Szenarien klarstellen, wie viel er über 2029 hinaus ausgeben will. Dabei kann neben Stückzahlen auch Kapazität bezahlt werden: Unternehmen halten beispielsweise Produktionslinien und Grundchemikalien für Sprengstoff vor und fahren die Fertigung im Ernstfall hoch. Ein Vorbild: Seit 2022 bezahlt der Bund BioNTech dafür, Produktionskapazitäten für Impfstoffe bereitzuhalten.

Mehr Wertschöpfung im Inland halten. Gut ein Viertel des seit 2020 vergebenen Auftragswerts geht laut Kieler Beschaffungstracker ins Ausland, insbesondere Hightech. Bei Vergaben sollten Fertigungstiefe, Forschung und Beschäftigung in Deutschland deshalb systematisch erfasst und gewichtet werden. Zudem kann ein Haushalt dieser Größe gezielt zivil breit nutzbare Technologien fördern, etwa Sensorik, KI-Steuerung oder neue Fertigungsverfahren. Der Verteidigungshaushalt wäre dann auch Innovationshaushalt.

Unternehmensgewinne in Investitionen lenken. Großbritannien legt für Aufträge ohne Wettbewerb jährlich einen Basisgewinnsatz fest. Die USA gehen direkt gegen Ausschüttungen und Aktienrückkäufe von Rüstungsfirmen vor. Wichtig ist, dass solche Regeln für das ganze Unternehmen gelten, nicht nur für einzelne Aufträge. Sonst fließt eben anderes Geld an die Aktionäre.

  1. Unsere Ergebnisse hängen stark von Annahmen zu Kriegsführung, Preisen und Wertentwicklung ab und orientieren sich an der NATO-Planung (Grundlage: Heinemann et al. (2025)). Beispielsweise nehmen wir eine durchschnittliche Nutzungsdauer des beschafften Materials von 30 Jahren an. Sollte diese Zahl geringer ausfallen, steigt der Finanzierungsbedarf und der „Buckel“ fällt schwächer aus oder ganz weg. ↩
  2. Wir beziehen uns auf die Daten von Unternehmen mit überwiegendem Verteidigungsgeschäft, ohne die zivilen Umsätze diversifizierter Konzerne. Erfasst sind die sechs börsennotierten deutschen Unternehmen Rheinmetall, Hensoldt, TKMS, Renk, Heckler & Koch, Vincorion. Nicht enthalten sind nicht börsennotierte Unternehmen wie KNDS Deutschland oder Diehl Defence, sowie breiter diversifizierte oder in europäische Konzerne integrierte Anbieter wie MTU Aero Engines, OHB, Airbus Defence and Space, thyssenkrupp und Rohde & Schwarz. ↩
Content
  1. 1. Rekordausgaben mit Ablaufdatum
  2. 1.1 Abbildung 1
  3. 2. Mehr Werke, mehr Jobs – aber auch mehr Dividenden
  4. 2.1 Abbildung 2
  5. 2.2 Abbildung 3
  6. 3. Die Stellschrauben: Planungssicherheit, Wertschöpfung, Gewinnverwendung
View
All
Text
Images

Recommended reading

Article
26. March 2025
Bedarf von 700 Milliarden Euro
Was unsere Verteidigung bis 2040 kostet

Press mentions

Artikel
22. Oct 2026
Tagesspiegel Background

Dr. Vera Huwe wurde hier zum Sondervermögen zitiert.

Artikel
21. Oct 2026
Tagesspiegel Background

Niklas Illenseer wurde hier zur Stromsteuer zitiert.

Gastbeitrag
20. Oct 2026
Table Briefings

Philippa Sigl-Glöckner erschien hier mit einem Gastbeitrag zu VC in Deutschland.

Newsletter
19. Oct 2026
econ4future-Newsletter

Der Geldbrief zur Vergesellschaftung des Dezernat Zukunft wurde im Newsletter aufgegriffen.

Veranstaltung
19. Oct 2026
Fraktion Die Linke im Bundestag

Mediha Inan nahm als Panelistin bei der Fachkonferenz zum Invest in Germany Summit "Wie finanzieren wir eine zukunftsfähige Wirtschaft und Infrastruktur?" im Bundestag teil.

Artikel
18. Oct 2026
CHIP

Der Artikel hat die Studie "Eckpunkte für die Finanzierung eines zukunftsfähigen Verkehrssystems" des Dezernat Zukunft und Agora Verkehrswende aufgegriffen.

Artikel
18. Oct 2026
taz

Der Geldbrief zur Vergesellschaftung des Dezernat Zukunft wurde in der taz aufgegriffen.

Gastbeitrag
16. Oct 2026
Surplus

Ein Gastbeitrag von Dr. Vera Huwe zur ÖPNV-Abgabe.

Artikel
15. Oct 2026
Tagesspiegel Background

Die Studie "Eigenkapital für die Energiewende" des Dezernat Zukunft, Agora Energiewende und Stiftung Klimaneutralität wurde im Tagesspiegel Background erwähnt.

Related articles