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23. Dezember 2018
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Dezernat Zukunft

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Essays

Was wir lesen – Weihnachtssonderausgabe 20186 min read

DEZERNAT ZUKUNFT

Das Jahr neigt sich dem Ende zu; Projektdeadlines, Büroparties, und Geschenkestress häufen sich; Weihnachten steht vor der Tür. Höchste Zeit also für eine Was-wir-lesen-Sonderausgabe.

Dieses Mal lassen wir das Tagesgeschehen links liegen, und empfehlen Bücher, Artikel, Internetseiten und Geschichten, die es sich lohnt in Ruhe anzuschauen.

Bücher von heute

Unelected Power, von Paul Tucker. Ein Thema, das uns beim Dezernat viel beschäftigt: wie legitim ist die beträchtliche Macht, die Zentralbanker heute ausüben? Sir Paul Tucker, ehemaliger Vize-Gouverneur der Bank of England, gibt eine Antwort in Buchlänge.

Crashed, von Adam Tooze. Wie hat die Welt sich seit 2008 verändert? Nachdem im letzten Jahrzehnt unzählige Ökonomen, Journalisten, und Entscheidungsträger Bücher über die Krise—ihre Ursachen, ihre Bekämpfung, ihre Konsequenzen—veröffentlicht haben, ist nun der erste Historiker mit seinem Buch aus der Deckung gekommen. Tooze ordnet die Krise ein, verwebt gekonnt (Geo)Politik, Wirtschaft, und Finanzen, und betrachtet das Geschehen sowohl im nordatlantischen Kern als auch in den diversen Peripherien. Ein Schinken mit mehr als 700 Seiten, doch wir sagen: es lohnt sich.

The Finance Curse, von Nicholas Shaxson. Ein Kunde kauft in London ein Bahnticket auf seinem Handy. Zusätzlich zum Ticketpreis wird eine Buchungsgebühr von 75 Pence fällig. Diese Gebühr fließt durch dutzende Hände, von Firmen, die in London sitzen, nach Jersey, von dort zurück nach London, dann nach Luxemburg, schließlich zu den Cayman Islands, von wo aus sie in den Händen einer amerikanischen Private Equity Firma landet. Was soll der Quatsch? Und cui bono? Verständlich und einleuchtend, anhand von greifbaren Beispielen wie diesem, erklärt Shaxson in diesem Buch die Auswirkungen der Finanzialisierung auf unsere Wirtschaften. Ein Buch, das nicht unbedingt geeignet ist, um den Blutdruck zu senken, aber eine Lektüre, die wir gerade für die (hoffentlich) etwas entspanntere Weihnachtszeit empfehlen können. (Ein Auszug wurde als Guardian Long Read veröffentlicht).

How Global Currencies Work, von Barry Eichengreen, Arnaud Mehl, und Livia Chiţu. Juncker will, dass der Euro eine wird; die EZB beobachtet, ob er vielleicht schon eine ist; wir beschrieben vor kurzem, was dazu noch fehlt. In diesem Buch betrachten Eichengreen et al. die Geschichte verschiedener Weltwährungen und gibt Einblicke, die Monsieur Juncker, die EZB, und uns weiterbringen. Wir legen es der Kommission sowie den entscheidenden nationalen Ministerien sehr ans Herzen.

The New Geography of Jobs, von Enrico Moretti. Es wird zunehmend deutlich, dass eine der entscheidenden politischen Konfliktlinien heute zwischen Stadt—bzw. Metropole—und Land verläuft. Moretti beschreibt die wirtschaftlichen Ursachen dieser Spaltung, und bringt so (übrigens auf Spuren von Krugmans New Trade Theory, nur innerstaatlich) Fakten in den Vordergrund, die für fast jede wirtschaftspolitische Debatte von entscheidender Bedeutung sind.

Bücher von gestern

Die Zeit zwischen den Jahren eignet sich, um dem Alltagstrubel für ein paar Tage den Rücken zu kehren und sich in einen Klassiker einzulesen, für den man unter dem Jahr keine Zeit gefunden hat. Wir empfehlen drei:

Statistics and the German State, von Adam Tooze. Nicht ganz einfach zu erwerben, aber in jeder guten Universitätsbibliothek verfügbar. In diesem Buch, auf seiner Doktorarbeit basierend, schildert Tooze, wie die statistischen Grundlagen des modernen Wirtschaftsstaates gelegt wurden. Eine faszinierende Historie, die deutlich macht, wie ‚weich‘ und politisch bedingt das Zahlengerüst ist, auf dem fast unser gesamtes heutiges Wissen über Volkswirtschaften aufbaut.

The Essential Keynes, von Robert Skidelsky herausgegeben. Es ist weitläufig bekannt, dass Keynes nicht nur ein begnadeter Ökonom war, sondern auch ein sprachgewandter Essayist und Kommentator. Doch nur die wenigsten (bzw. zu wenige) haben seine gesammelten Werke zuhause. In diesem portablen Buch sammelt Robert Skidelsky, Keynes‘ berühmtester Biograph, die wichtigsten Schriften zusammen.  

Capitalism, Socialism, and Democracy, von Alois Schumpeter. Ein ewiger Klassiker. Kapitel sechs, sieben und acht sind als Kurzbeschreibung der Funktionsweise einer kapitalistischen Marktwirtschaft auch siebzig Jahre nach Erscheinen unübertroffen. Auch die weniger oft gelesenen Teile dieses Buches belohnen den Leser: von Betrachtungen zur Entwicklung der Mode in Marktwirtschaften (Kapitel elf), über eine Analyse der Intellektuellenklasse im Kapitalismus (für unsere Leser vielleicht besonders interessant, wenn auch kritisch; Kapitel dreizehn), bis zu einer beißenden Kritik der klassischen Konzeption der Demokratie (Kapitel einundzwanzig), gefolgt von einer ähnlich scharfen Beschreibung real existierender Demokratien, die ebenfalls bis heute Geltung hat (Kapitel zweiundzwanzig).

Artikel und Internetseiten

Was liegt näher, als an kalten Wintertagen vor dem Kamin durch Daten zu stöbern? Für diejenigen, die unsere Vorlieben teilen, empfehlen wir zwei Internetseiten, die diese Tätigkeit zu einem Genuss machen: Our World in Data (besonders zu empfehlen: die inequality section), sowie die World Inequality Database.

Was Wir Lesen besteht normalerweise zum größten Teil aus Artikeln. Dieses Mal empfehlen wir nur drei, allesamt im ‚Long Read‘ format (oder länger), und allesamt tiefergehende, kritische Stücke, die sich mit Themen befassen, die wir für wichtig und interessant halten:

  • „Why we stopped trusting elites“, im Guardian;
  • „Pulling Rabbits out of Hats“, ein kritischer Überblick über die Entwicklungen in Makroökonomie seit der Finanzkrise von 2008, Jacobin;
  • Sowie „Haushaltsüberschüsse und ihre Verwendung: Wiedergewinnung staatlicher Handlungsfähigkeit? Durchs Sparkorsett zur staatlichen Handlungsfähigkeit?“, von Lukas Haffert und Philip Mehrtens in der Zeitschrift für Staats- und Europawissenschaften.

Zum Abschluss: Die Saga von Gritty dem Maskottchen, ein modernes Weihnachtsmärchen

Das Leben besteht nicht nur aus Ernst. Daher zum Abschluss eine Geschichte, die uns aus Amerika zugeflogen kam und die vielleicht noch nicht alle unsere Leser gesehen haben.

Diese Eishockeysaison gaben sich die Philadelphia Flyers ein neues Maskottchen: Gritty. It came in like a wrecking ball. Sein nächster Verwandte ist das Spaghettimonster, vielleicht auch der Glöckner von Notre Dame. Es hat weder seine Augen noch seine Gliedmaßen völlig unter Kontrolle. Zweifler, in Establishment-Medien wie bei eher hipperen Outlets schlugen vor, das Maskottchen sofort wieder einzustampfen. Ein Pinguin machte Gritty von der Seite an. Selbst das Wall Street Journal sah es als notwendig an, Gritty ein Op-Ed zu widmen, auch wenn es hier vor allem um seine Aneignung durch die Linke im Allgemeinen, und die Antifa im besonderen, ging (“Gritty is a worker”). Kurz: ein durchmischter Start.

Doch als die good people of Philadelphia spürten, dass nicht nur sie, sondern auch andere sich über Gritty lustig machten, da schlossen sie die Reihen. Gritty sei vielleicht ein Monster, aber er sei Philadelphias Monster, wie der Stadtrat (!) offiziell feststellte. Und so wurde Amerikas liebenswürdigster orangener Fellfetzen, trotz schwierigem Start, schließlich von der Stadt der brüderlichen Liebe als einer der seinen aufgenommen. Und wenn Gritty nicht gestorben ist, dann lebt es—und verbreitet Enthusiasmus, Verwirrung, und Freude in gleichen Teilen—noch heute.

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